25. April 2018

Die Eröffnung der neuen Sonderausstellung „Jüdische Familien im Waldviertel und ihr Schicksal“ lockte viele Gäste in den Kulturhof nach Neupölla. Sie zeigt, dass es in jeder Generation wichtig ist, auf dieses Thema aufmerksam zu machen und dass die Zeit der Befragung der letzten Zeitzeugen - 80 Jahre später - bald zu Ende geht. Neben der wissenschaftlichen Aufbereitung wurde in allen Reden der Ehrengäste die "Nachtseite dieser Heimatgeschichte" nicht ausgeblendet. Viele, der damals vertriebenen Juden im Waldviertel waren noch Kinder. Heute, Jahrzehnte später, erinnern sie sich im Rahmen der Ausstellung an ihre ganz persönliche Familiengeschichte.

Die Familie Tom Biegler reiste eigens zur Ausstellungseröffnung 16. 000 km von Australien nach Neupölla, dessen Urgroßvater sich vor 160 Jahren in Neupölla niederließ. Herr Biegler wurde 1937 geboren, er verließ mit seinen Eltern und seiner Schwester nach dem Anschluss 1938 Österreich und kam ein Jahr später in Sydney an. In seiner Rede erzählte er, dass seine Familienmitglieder bis heute die einzigen Bieglers in Australien sind und sein Vater verstarb, als er 10 Jahre alt war und seine Mutter sehr wenig von der Familie seines Vaters wusste und von Neupölla hatte er noch nie gehört, bis vor 15 Jahren ein außergewöhnliches Ereignis passierte. 2003 kam er für eine wissenschaftliche Konferenz nach London und stöberte dort im Telefonbuch nach dem Namen „Biegler“. Er hat nur eine Eintragung gefunden, „Laura Biegler“ und fragte die Dame ganz direkt, ob sie vielleicht verwandt seien. Zur großen Überraschung vernahm Tom Biegler, dass sein Vater ihr Lieblingscousin in Wien gewesen sei, er erfuhr somit die ganze Familiengeschichte und reiste 2004 erstmals an den Ort seiner Wurzeln. Die Recherchen zur Ausstellung ergaben, dass in jedem zehnten Wohnhaus in Neupölla eine Familie jüdischer Abstammung lebte. Deren Schicksale und vieler anderer jüdischer Familien des Waldviertels sind genau dokumentiert mit Originalschriftstücken, Bildreproduktionen sowie „erzählter Geschichte“ in Form von Filminterviews auf modernen Bildschirmen zu sehen, ergänzt durch die Herausgabe des dazugehörigen Buches als wissenschaftlich fundierte, aber gut lesbare und reich illustrierte Begleitpublikation. 
Univ.-Lektor Dr. Friedrich Polleroß, Museumsgründer und „Lieferant“ guter Ideen zur dauerhaften Belebung des regionalgeschichtlichen Museums in Neupölla schafft es immer wieder, mit seinen Sonderausstellungen im Kulturhof historisch bedeutsame Themen aus lokaler Sicht aufzuarbeiten, das macht jede Ausstellung für die Bewohner und Gäste so interessant und authentisch. Träger des Projektes sind die Marktgemeinde Pölla sowie der Dorferneuerungsverein Neupölla. Das Museum wurde 1997 eröffnet und die Dauerausstellung bietet einen Überblick über die Alltagsgeschichte und die sozialen Veränderungen der ländlichen Bevölkerung der letzten 300 Jahre am Beispiel der Region zwischen Zwettl und Horn. Die Sonderausstellung selbst ist noch bis Ende Oktober zu sehen. Weitere Infos unter www.poella.at/Museum